In diesem umfassenden Fachvortrag von buildingSMART Deutschland wird der frisch verabschiedete ISO-Standard IFC 4.3 (genauer: IFC 4.3.2) im Detail vorgestellt. Der Vortrag beleuchtet nicht nur das gesamte Ökosystem von buildingSMART, sondern geht tief in die technische Architektur der Industry Foundation Classes (IFC) ein. Erklärt wird, wie der Paradigmenwechsel vom klassischen, vertikalen Hochbau hin zum achsenbasierten Infrastrukturbau (Straße, Schiene, Brücke, Wasserbau) datentechnisch gemeistert wurde und wohin die Reise mit zukünftigen IFC-Versionen geht.
1. Das buildingSMART Ökosystem
Einordnung der verschiedenen Werkzeuge und Services entlang der Wertschöpfungskette (Planung, Ausführung, Betrieb).
Zusammenspiel von Datenschemata (IFC) mit zentralen Services wie dem Information Delivery Specification (IDS), dem buildingSMART Data Dictionary (bSDD), BCF und openCDE.
Zertifizierung von Software und Fachkompetenzen (Professional Certification).
2. Chronologie & Systematik der IFC-Standardisierung
Der Unterschied zwischen der kontinuierlichen technischen Weiterentwicklung des IFC-Schemas und dem aufwendigen, formellen ISO-Standardisierungsprozess.
IFC 4.3 hat den ISO-Prozess erfolgreich abgeschlossen und wird über die „Wiener Vereinbarung“ automatisch zum harmonisierten europäischen (CEN) und nationalen (DIN EN ISO) Standard.
3. Technisches Fundament: Wie IFC funktioniert
Erklärung der objektorientierten Modellierung ab der Wurzelklasse IfcRoot.
Die drei wesentlichen Säulen: Objektdefinitionen (Bauteile, Räume), Beziehungen (räumliche Verortung, semantische Verbindungen wie Rohr-Verbindungen) und Eigenschaften (Properties wie Material, Kosten).
Historischer Rückblick: Die bisherige hierarchische Raumstruktur für den Hochbau (IfcSite ➡️ IfcBuilding ➡️ IfcBuildingStorey).
4. Die Revolution in IFC 4.3: Infrastruktur & Achsenbasierung
Das Kernproblem des Tiefbaus: Infrastrukturbauwerke sind nicht vertikal wie Gebäude, sondern achsenbasiert (horizontaler und vertikaler Trassenverlauf in 3D).
IfcFacility & IfcFacilityPart: Einführung neuer, generischer Platzhalter, die das starre Gebäude/Geschoss-Konzept aufbrechen. Sie ermöglichen die Gliederung in Brücken, Wasserbauwerke, Schienennetze und Straßen sowie deren Teilabschnitte.
IFC Alignment (Trassierung): Die grundlegende mathematische Definition einer 3D-Achse. Anstatt Bauteile starr im Raum zu verorten, werden Elemente (z. B. Ampeln, Verkehrszeichen) relativ zu dieser Achse („Stationierung“ und Abstände in horizontaler/vertikaler Richtung) platziert. Ändert sich der Trassenverlauf, passen sich die Bauteile automatisch an.
5. Ausblick in die Zukunft: IFC 4.4 und IFC 5
IFC 4.4: Wird aktuell entwickelt und soll das bisher noch fehlende Thema Tunnelbau in den Standard integrieren. Zudem wird mittelfristig ein „Multi-Document-Standard“ angestrebt, um einzelne Bereiche (Hochbau, TGA, Infrastruktur) agiler pflegen zu können.
IFC 5: Ein radikaler technologischer Paradigmenwechsel. Weg vom trägen, dateibasierten STEP-Format (Dateiaustausch) hin zu einer transaktionalen, API-gesteuerten Architektur. Der Fokus liegt künftig auf inkrementellem Datenaustausch (Deltas), der nahtlosen Integration in Common Data Environments (CDEs) und der Verknüpfung mit Digital Twins sowie externen Standards (z. B. Industrie 4.0).
bims.at Handbuch 2024: Eine kostenlose, sehr empfehlenswerte Publikation der österreichischen Kollegen mit detaillierten Ergänzungen und länderspezifischen Ausprägungen für den DACH-Raum.
IFC 4.3 Dokumentation: Die offizielle technische Dokumentation des Schemas, welche nun deutlich moderner und interaktiver gestaltet ist.
Klassenkatalog Verkehrswege: Erarbeitet von der Fachgruppe BIM Verkehrswege, um Straßen- und Schienenbau semantisch zu vereinheitlichen.
Fazit: Ein absolutes Muss für alle BIM-Koordinatoren, Infrastrukturplaner und Softwareentwickler, die verstehen wollen, wie Open-BIM im Tiefbau technisch funktioniert und welche Weichenstellungen buildingSMART für das datengestützte Planen und Bauen der Zukunft vornimmt.